Montage

mit Wolfgang Wiederhofer

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Zur Montage

Vor Jahren sah ich einen Film über einen Fischer auf der Adriatischen See (ÜBER DIE GRENZE, Episode 5 von Biljana Cakic-Veselic). Schon am Beginn des Filmes blieb mir ein Bild besonders hängen: Eine Möwe stieg hoch in den Himmel und die Montage des Filmes gab diesem Vogel verhältnismäßig viel Zeit für seinen Flug. Ein Bild der Freiheit und Ungebundenheit? Oder doch nur ein leeres Zeichen, Verliebtheit der Regisseurin?

Zirka 20 Minuten später sprach der Fischer über die Vergänglichkeit und den Tod. In seiner Rede kam in einem Nebensatz die Formulierung „auf den Schwingen des Todes” vor. In diesem einen Moment schoss mir wieder der Vogel vom Beginn des Filmes in den Kopf. Zwei Momente – eine fliegende Möwe und ein Nebensatz – hatten zueinander gefunden, ohne nebeneinander zu liegen. Die Leichtigkeit der fliegenden Möwe war von der Anwesenheit des Todes im Rückblick beschwert, aber gleichzeitig war der Tod von der Leichtigkeit des Möwenfluges ein Stück weit leichter geworden. Zwei bildhafte Momente hatten sich wechselseitig neu geschrieben.

Wenn wir einen Film schauen, dann läuft auf einer linearen Zeitachse ein Bild nach dem anderen vor unseren Augen ab. Bei diesem Prozess sammeln wir ZuschauerInnen eine Menge Information in Bild und Ton, die sich in uns zu einer Erinnerungs-Skulptur aufbaut. Was wir gesehen haben, darüber verfügen wir auch außerhalb des zeitlichen Ablaufs. Was wir gesehen haben ist in uns zu einem räumlichen Objekt geworden, das wir uns in Erinnerung rufen und über das wir jederzeit verfügen können. Diese innere Skulptur ändert sich jedoch ständig, wird gefüttert, neu betrachtet, bestätigt, überrascht usw. Alle Bilder, Töne, Informationen und Emotionen ballen sich zusammen und lassen uns in Erinnerung schwelgen und in Erwartung vergehen. Wir haben die Gesetze dieses einen Filmes gelernt und im Rahmen dieses Filmkosmos erwarten wir nun, was uns versprochen wurde. Wir haben aber auch die Grenzen dieses Filmes kennen gelernt und vermuten auch meist recht präzise, was uns nicht erwartet. Was heißt das für die Montage eines Filmes? Dass die Montage eines Filmes nicht nur an der Schnittstelle von einem Bild zum nächsten stattfindet. Wäre das so, dann müsste man sich wie ein Schimpanse weiter hangeln von Ast zu Ast, immer das eine Ziel vor Augen. Es gäbe keine Notwendigkeit zurückzuschauen, weil in der Rückschau kein Gewinn und keine Erwartung begründet läge. Nein, die Montage findet eben nicht nur von Bild zu Bild statt, sondern jeder einzelne Schnitt bezieht sich auf viele andere Schnitte im selben Universum dieses einen Filmes, und wahrscheinlich im Kosmos bereits gesehener Filme überhaupt.

Einige Zeit später montierte ich den Film UNSER TÄGLICH BROT. Bei mehreren Probesichtungen der Rohschnittfassung kam es zu folgendem Effekt: Die Gäste der Probesitzungen hatten regelmäßig ein- und dieselbe Korrelation entdeckt, die sich zeitlich 30 Minuten voneinander getrennt befand. Das mechanische Laufband, das eine unendliche Menge an frisch geschlüpften Küken transportierte, wurde mit einem Laufband, das frisch geerntete Kartoffeln transportierte, so stark verknüpft, dass sie als eines gesehen wurden und nach dem Film als stärkster Eindruck zurück bleiben. Es lag also fast schon nahe, diese beiden Bilder gleich aneinander zu bringen, damit die Verknüpfung noch sichtbarer und effektiver werden könnte. Aber für den Film war ein anderer Weg richtig: Ich musste eines der beiden Bilder aus dem Film nehmen, damit diese eine „Laufbandverknüpfung” nicht die Wahrnehmung und Erinnerung des gesamten Filmes dominieren konnte. Also nahm ich die Kartoffeln wieder aus dem Film, die Küken blieben drin. Der Effekt: Durch die Auflösung dieser über den ganzen Film sich erstreckenden Verbindung konnten andere Verknüpfungen, andere Assoziationsflächen, die bei weitem feiner und tiefgreifender gewoben waren, erst wieder Platz und Sichtbarkeit in diesem Film gewinnen.

Wenn man einen Film montiert, dann arbeitet man stark bildhauerisch, also räumlich in der Zeit. Man nimmt weg, gibt dazu, geht um das Werk herum und betrachtet es von allen Seiten. Und wenn man dann ein kleines Teil an einer Stelle der ganzen Zeit-Skulptur verändert oder sogar weg nimmt, dann hat das Auswirkungen auf alle anderen Teile des Ganzen, und auch auf das, was nicht sichtbar und nur in den Köpfen der Betrachter und Betrachterinnen existiert.

Wolfgang Widerhofer

 

Filmprojekte:
http://dok.at/person/wolfgang-widerhofer/

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